Nachrichten aus dem Dekanat Göttingen

Schwangerenberatungen organisieren vertrauliche Geburt in Stadt und Landkreis Göttingen

Wenn Frauen ihr Baby nicht annehmen wollen, haben sie seit Mai 2014 die Möglichkeit zur vertraulichen Geburt.

Nun organisierten die Beratungsstellen des Caritasverbandes und pro familia Göttingen ein Netzwerk-Treffen aller beteiligten Stellen. Im Mittelpunkt standen Absprachen, um einen reibungslosen Ablauf im Falle einer vertraulichen Geburt zu ermöglichen.

Lisa Kastner von pro familia sowie Gabriele Becker und Hildegard Schütz von der Caritas (v.l.) zeigen Informationsmaterial zur vertraulichen Geburt. Lisa Kastner von pro familia sowie Gabriele Becker und Hildegard Schütz von der Caritas (v.l.) zeigen Informationsmaterial zur vertraulichen Geburt. Bild vergrößern
„Wir haben eine neue Aufgabe bekommen“, sagt Gabriele Becker von der Schwangerenberatung der Caritas in Göttingen. Das neue Gesetz sieht vor, in Notlagen Babys vertraulich zur Welt bringen zu können. „In umfassenden Beratungsgesprächen werden mit betroffenen Frauen alle Möglichkeiten besprochen, ein Leben mit dem Kind führen zu können“, versichert Becker. Entscheidet sich eine Frau dann für eine vertrauliche Geburt, „liegt der Vorteil in der durchgehenden medizinischen Begleitung“, betont Becker. Im Gegensatz zur anonymen Geburt und zur Babyklappe werden die Frauen bei einer vertraulichen Geburt unter einem Pseudonym medizinisch versorgt. Außerdem werden sie durch eine Fachkraft für vertrauliche Geburt unterstützt und begleitet. Die Kosten für Geburt sowie Vor- und Nachsorge übernimmt der Bund entsprechend den Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen.

„Außer der Beraterin erfährt niemand den wirklichen Namen der Frau, alle beteiligten Institutionen kennen nur ihr Pseudonym", erklärt Lisa Kastner von pro familia. Die Beraterin hält den Namen der Frau in einem Herkunftsnachweis fest, der in einem versiegelten Umschlag sicher verwahrt wird. Nach der Geburt wird der Umschlag an das Bundesamt für zivilgesellschaftliche Aufgaben übermittelt. So kann ein vertraulich geborenes Kind nach 16 Jahren seine Herkunft erfahren. Allerdings darf die Mutter der Herausgabe widersprechen. Dann entscheidet ein Familiengericht, ob die Identität der Mutter weiterhin aus wichtigem Grund vertraulich bleiben muss.

Nach einer vertraulichen Geburt wird das Baby zunächst bei Adoptivpflegeeltern untergebracht. Etwa ein Jahr lang, bis eine Adoption vollzogen wird, kann die Mutter sich entscheiden, ihr Kind selbst groß zu ziehen. Anders als bei einer anonymen Geburt, macht sich bei einer vertraulichen Geburt niemand strafbar, sie bietet Rechtssicherheit für alle Beteiligten.

Ziel des neuen Verfahrens ist es, die Zahl der nach der Geburt ausgesetzten oder getöteten Kinder zu verringern. In Deutschland werden nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts jährlich etwa 20 bis 35 Kinder nach der Geburt ausgesetzt oder getötet. Verbindliche Zahlen fehlen, da von einer erheblichen Dunkelziffer ausgegangen werden muss. Die vertrauliche Geburt soll zudem eine Alternative zu den Babyklappen bieten. Zwischen 1999 und 2010 wurden nahezu 1000 Kinder anonym geboren, in eine Babyklappe gelegt oder anderweitig anonym übergeben. Mit der vertraulichen Geburt wird das Grundrecht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft berücksichtigt. Seit Mai 2014 haben sich in Deutschland rund 90 Frauen für eine vertrauliche Geburt entschieden.

Damit in Stadt und Landkreis Göttingen alle beteiligten Stellen Hand in Hand arbeiten, initiierte die Schwangerenberatungsstelle des Caritasverbandes gemeinsam mit der Beratungsstelle pro familia ein Netzwerktreffen. Teilgenommen haben, Schwangerenberaterinnen, Ärzte aus Krankenhäusern, Hebammen und Vertreter von Adoptionsstellen, Vormundschaftsstellen sowie Standesämtern.

„Eine frühzeitige Beratung ist der Idealfall“, sagt Hildegard Schütz, Schwangerenberaterin der Caritas. Wenn eine Frau erst kurz vor der Entbindung eine vertrauliche Geburt möchte, sei das eine schwierige Ausgangslage. „Für eine Beraterin ist es eine große Herausforderung, spontan auf eine so schwierige Lebenssituation zu reagieren – das geht nur mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis“, sagt Schütz. Dazu komme der Zeitdruck, da die anderen Beteiligten wie Krankenhaus und Adoptionsstellen mit eingebunden werden müssen.

Lisa Kastner von pro familia hält das Vernetzungstreffen für gelungen. „Es war gut, sich auszutauschen. Es ist in unser aller Interesse mit allen Beteiligten schon vor einem Fall vernetzt zu sein.“ Caritas und pro familia wollen auch zukünftig die Kontakte unter den an einer vertraulichen Geburt beteiligten Stellen fördern.

Zur vertraulichen Geburt gibt es eine bundesweit kostenfreie Beratungshotline, die anonym Auskunft in mehreren Sprachen gibt: Telefon 0800 40 40 020.

 

14.07.2015