khg: Themenabend zum Thema Rechtsextremismus
Unter dem Motto „Erlebniswelt Rechtsextremismus - Faszinations- und Motivationspunkte für(De-)Radikalisierungen“ war am Mittwochabend Christian E. Weißgerber in der katholischen Hochschulgemeinde Göttingen (khg) zu Gast. Weißgerber, der den Ausstieg aus der Neonazi-Szene geschafft hat, sprach über die Gründe, wie er zum Neonazi wurde und darüber, wie ihm der Ausstieg gelang.
Das Interesse an der Veranstaltung, die die khg in Kooperation mit der Katholischen Akademie Hannover und der Evangelischen Studierenden- und Hochschulgemeinde Göttingen (ESG) organisiert hatte, war groß. Nicht nur Studierende, sondern Menschen jedes Alters waren in die khg gekommen, um den Vortrag von Christian E. Weißgerber zuhören. „Wir freuen uns, dass so viele Menschen gekommen sind“, sagte Daniela Ramb von der khg. Damit alle den Vortrag gut verfolgen konnten, hatten die Organisatoren im Vorfeld eine Videoübertragung in einen weiteren Raum der khg vorbereitet.
Zu Beginn seines Vortrages ging Weißgerber darauf ein, dass Rechtsextremismus ein komplexes Thema sei. „Man kann es sich wie ein Mosaik vorstellen“, wandte er sich an die Zuhörerinnen und Zuhörer. Darin enthalten seien verschiedene Gruppen. Zum einen die, die öffentlich auftreten würden, dann die Gruppen, die nur teilweise öffentlich unterwegs seien und die Gruppen, die nichtöffentlich agieren. „Zwischen diesen einzelnen Gruppen gibt es Scharnierorganisationen, die als Bindeglieder fungieren. Die größte dieser Organisationen ist die AfD“, erklärte Weißgerber.
Teilnahme an Demonstrationen und Konzerten
Christian E. Weißgerber wurde 1989 in Eisenach geboren. Er wuchs gemeinsam mit seiner Schwester bei seinem Vater auf. Nach eigenen Angaben hat er schon früh die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu spüren bekommen. Aufgrund dessen und der schwierigen Lage mit seinem Vater habe er begonnen, sich mit dem „Deutschsein“ auseinanderzusetzen. Zudem habe ihn die deutsche Geschichte fasziniert. „Meine Jugend habe ich in der Metal-Szene in Eisenach verbracht. Erste Kontakte zu Neonazis hatte ich dann in der neunten Klasse“, berichtete der Referent. Weißgerber zeigte zudem auf, dass Radikalisierungsprozesse meistens in persönlichen Krisenzeiten erfolgen würden. Zu diesen Krisenzeiten zähle auch die Pubertät. Seine eigene Radikalisierung sei über Bücher erfolgt. „Ich habe dann den Staat mit seiner Migrationspolitik als ein Teil des Problems gesehen. Und ich wollte mich gegen diesen Staat zur Wehr setzen“, sagte Weißgerber. Unter anderem habe er an Demonstrationen und Rechtsrock-Konzerten teilgenommen: „Nicht alles, was ich da erlebt habe, hat mir gefallen“. Dem Publikum in der khg verdeutlichte er, dass man nicht einfach sagen könnte, dass Nazis keine Bildung haben. „Was ihnen fehlt, das ist demokratische Bildung, aber man kann nicht allgemein sagen, dass sie keine Bildung haben“, so Weißgerber.
Umdenken beginnt im Studium
Welche Gründe führten dann 2010 zu seinem Ausstieg aus der Neonazi-Szene? „Die Gruppe, in der ich aktiv war, war hoch organisiert. Dadurch hatten wir auch eine hohe Fallhöhe und dadurch stieg bei mir auch der Enttäuschungsgrad in vielen Bereichen. Hinzu kam, dass mich strukturelle Bedenken frustriert haben“ berichtete Weißgerber. Außerdem gab es in Jena, wo er studiert hat, persönliche Angriffe auf ihn, so gab es ein Plakat, wo er mit Bild als Neonazi gezeigt wurde. „Diese Situation führte dann bei mir zu einem Umdenken und ich wurde gegenüber anderen Argumenten offener“, erzählte Weißgerber. Doch natürlich sei der Ausstieg, den er gemeinsam mit einem Freund vornahm, nicht von heute auf morgen erfolgt. „Es war ein längerer Prozess. Zunächst einmal haben wir uns zurückgezogen und nicht mehr auf Nachrichten reagiert“, sagte der ehemalige Neonazi. Auf die Nachfrage einer Zuhörerin, ob er nach seinem Ausstieg Schutz vor möglichen Angriffen bekommen habe, antwortete er, dass man sich als Aussteiger selbst schützen müsse.
Im Anschluss an Weißgerbers Vortrag gab es noch eine lebhafte Diskussion mit den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern der Veranstaltung, bei der auch die derzeitige politische Situation und die Rolle der AfD thematisiert wurde. Vielen Dank an Christian Weißgerber für den spannenden und informativen Abend.
Vera Wölk, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit





