Auf dem Weg zu einer Gemeinde der Zukunft

Göttinger Michaelsgemeinde diskutiert anstehende Innensanierung der Kirche auf Facebook

Göttingen (kpg) – Die katholische Kirchengemeinde St. Michael in Göttingen geht neue Wege: Die anstehende Innenrenovierung des Gotteshauses lässt der Pfarrer der Gemeinde, Pater Manfred Hösl SJ, auch auf der Internetplattform Facebook diskutieren.

Im Mittelpunkt steht derzeit die Frage, ob das Kreuz im Altarraum – eine traditionelle Darstellung des Gekreuzigten mit Maria und Johannes an seiner Seite – durch eine moderne Fassung des Künstlers Tobias Haseidl ersetzt werden soll. Ein Modell und großformatige Fotos sind derzeit in der Kirche ausgestellt. Der Christus von Haseidl ist nur mit einer Körperhälfte an eine Astgabel gekreuzigt, die andere ist frei und streckt sich dem Himmel entgegen. „Ich wollte mit der Wahl des Mediums Facebook einfach ein Zeichen setzen, dass Kirche modern ist. Und es ist eben ein Medium, wo man schnell und interaktiv diskutieren kann.“

Diskutiert wird seitdem viel in der Gemeinde: „Ein künstlerisches Meisterwerk“ schreibt eine Besucherin der Internetplattform über das Haseidl-Kreuz. Eine andere plädiert dafür, alles beim Alten zu belassen: „Als langjährige Besucherin ist das alte Kreuz für mich zu einem wesentlichen Ruhepunkt geworden.“ Darüber hinaus hat Pater Hösl seine Gemeindemitglieder auch persönlich eingeladen. „Denn das persönliche Gespräch kann Facebook natürlich nicht ersetzen.“ Mit Erfolg: An zwei Sonntagabenden platzten der Gemeindesaal und die Kirche selbst aus allen Nähten. Dass die Frage der Innengestaltung der Kirche zum Teil heftige Kontroversen ausgelöst habe, spiegelt für Hösl auch das Innenleben seiner Gemeinde wider: „Es gibt bei uns Menschen, die haben ihr ganzes Leben in dieser Gemeinde verbracht und die hängen natürlich an diesem Inventar: Die denken bei dem Kreuz vorne an ihre Erstkommunion oder die Beerdigung der eigenen Mutter. Andere wiederum sind erst seit wenigen Jahren in Göttingen und haben diese Geschichte nicht.“

Die jetzt angestoßene Diskussion sei für ihn deshalb auch eine Chance, über die Gemeinde der Zukunft nachzudenken: „Wer will diese Gemeinde sein? Wie können wir Familien und Singles, Junge und Alte, Neuzugezogene und Alteingesessene miteinander ins Gespräch bringen? Wie kann Kirche die Menschen ohne religiöses Grundwissen ansprechen, die regelmäßig den Weg in die Citykirche finden? Wir sind die einzige katholische Kirche im Bistum Hildesheim, die einen Zugang zur Fußgängerzone hat – und das müssen wir nutzen.“ Für Hösl stelle sich gerade für diese Gruppe die Frage, ob ein Kreuz in der traditionellen Form der richtige Zugang sei – zumal der auferstehende Jesus von Haseidl auch kirchenfernen Menschen schnell wesentliche Elemente der christlichen Lehre vermitteln könne.

„All das wollte ich mit dieser Diskussion anstoßen. Und ich glaube, dass wir da auf einem guten Weg sind.“ Welche Kreuzdarstellung am Ende der Innenrenovierung, die nach Angaben Hösls bis etwa 2014 abgeschlossen sein soll, in der Michaelskirche stehen wird, ist derzeit noch unklar. Auch, ob die Gemeinde sich dauerhaft bei Facebook präsentieren wird, sei noch nicht entschieden. Nur eines ist für Hösl sicher: „Eine hermetisch abgeschlossene Gemeinde, die nur für sich ist und sich selbst genügt, hat keine Zukunft.“