Ein Gottesdienst, der alle Sinne anspricht

Altenheimseelsorge bildet Ehrenamtliche zu Andachtsleitern aus

Göttingen (kpg) – Langsam füllt sich die große Caféteria des Phönix-Seniorenzentrums in Göttingen. Ein Pfleger schiebt im Minutentakt Bewohner und Bewohnerinnen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, vor den mit Blumen, einer Kerze und einem Kreuz geschmückten Tisch. Andere kommen allein, gestützt auf ihre Gehilfe. In der Caféteria, die heute zum Andachtsraum umfunktioniert ist, warten schon Sabine Pelzer und Almut Popp. Die beiden Frauen begrüßen jeden neuen Gast mit einem freundlichen Lächeln.

Sabine Pelzer und Almut Popp sind ehrenamtliche Andachtsleiterinnen. Seit Oktober des vergangenen Jahres kommen sie alle vier Wochen in das Seniorenzentrum, um mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, die das wünschen, einen Gottesdienst zu feiern. „Mir ist aufgefallen, dass ältere Menschen, die sonst regelmäßig sonntags in der Kirche waren, plötzlich fehlten“, erzählt Pelzer. „Und dann hört man, dass die im Altenheim sind. Und die Pfarrer können es nun mal nicht mehr leisten, in jedem Altenheim regelmäßig eine Messe zu feiern.“

24 Männer und Frauen sind heute gekommen, bis zu 35 Personen feiern regelmäßig die Andacht mit. „Christ ist erstanden“, singt die Runde – ein Lied, das hier alle Bewohnerinnen und Bewohner nach jahrelangem regelmäßigen Kirchgang in- und auswendig kennen. Nicht alle jedoch singen mit, einige schauen und hören aufmerksam zu, manche haben die Augen geschlossen, eine Bewohnerin murmelt unablässig vor sich hin.

Einige Bewohner des Seniorenheimes sind dement. Deshalb versuchen die beiden Frauen, ganz bewusst alle Sinne der alten Menschen anzusprechen: mit dem farbenfrohen Blumenschmuck und dem Kreuz, das Popp zwischendurch in die Hand nimmt, mit altbekannten Kirchenliedern, deren Texte extra groß abgedruckt sind, mit direkter Ansprache, kleinen Berührungen und indem sie versuchen, Erinnerungen zu wecken. Heute trägt Almut Popp ein Gedicht von Schiller vor – „das kennen Sie vielleicht noch aus dem Schulunterricht“, sagt sie – und ein paar Alte nicken erfreut. Beim Vaterunser schließlich beten auch die mit, die die Andacht zuvor still verfolgt haben.

Vorbereitet auf ihre ehrenamtliche Aufgabe haben sich Pelzer und Popp in einem Kurs der Koordinierungsstelle katholische Altenheimseelsorge für das Bistum Hildesheim. An mehreren Abenden haben sie sich mit der Liturgie auseinandergesetzt, haben Andachten erarbeitet, die sich an den Bedürfnissen alter Menschen orientieren, haben mehr erfahren über dementielle Erkrankungen und in Seniorenheimen hospitiert. „Viele Menschen mit Demenz lassen sich durch einen traditionellen Gottesdienst nicht mehr oder kaum noch ansprechen“, sagt Beatrix Michels, die Beauftragte für die Altenheimseelsorge. Inzwischen gibt es in Göttingen 17 Männer und Frauen, die diese Fortbildung absolviert haben. Auch in nicht-katholischen Häusern in und um Göttingen sind die speziellen Gottesdienste mittlerweile gefragt. „Für die katholische und die evangelische Kirche sind die Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen Gemeindemitglieder. Da ist die Trägerschaft des Hauses unerheblich“, sagt Michels.

Eine halbe Stunde dauert der Gottesdienst im Schnitt. Auch danach nehmen sich Sabine Pelzer und Almut Popp noch Zeit für ein kurzes Gespräch. Popp legt einer alten Dame die Hand auf die Schulter: „Schön, dass Sie dabei waren“, sagt sie lächelnd. „Ich bin einfach gern mit alten Menschen zusammen“, sagt sie. Wie viel die dementen Bewohner von der Andacht wirklich mitbekommen, wisse sie nicht. „Manche sehen während der Andacht aus, als würden sie schlafen. Aber hinterher sagen gerade sie dann Danke.“