Ein Ort der Stille für alle Suchenden

Superior der Göttinger Jesuiten lehrt Zen

Göttingen (pgu) – Er war Biobauer, Leiter einer Kunsthalle, er gibt Zen-Kurse und betätigt sich in seiner Freizeit als Maler und Bildhauer: Ungewöhnlich ist wohl das Adjektiv, das auf Pater Benedikt Lautenbacher, den Superior der Jesuiten in Göttingen, am ehesten zutrifft.

Seit rund eineinhalb Jahren lebt Lautenbacher nun in Göttingen. Jeden Donnerstag lädt er seitdem zur Zen-Meditation in den Großen Saal bei St. Michael in der Fußgängerzone der Stadt ein. Bis zu 30 Personen kommen regelmäßig: „von der Hausfrau über den emeritierten Professor, den Arzt und den Geistlichen bis hin zum Studenten“. 25 Minuten verbringen die Teilnehmer dann sitzend in absoluter Stille, das drei Mal nacheinander, jeweils unterbrochen von kurzen Phasen der Bewegung. Zen sei ein Angebot für alle, die „in unserer lauten Zeit“ voller Ersatzreligionen wie Wellness, Fitness oder Jugendlichkeit auf der Suche seien. Loslassen zu lernen und zur Ruhe zu kommen sei dabei das Ziel. „Es geht dabei allerdings nicht darum, sich in die Innerlichkeit zurückzuziehen.“ Vielmehr werde man in der Stille mit sich selbst konfrontiert. „Es geht eigentlich immer um die Wahrnehmung der Realität, auch der eigenen Realität. Und da geht es schon ans Eingemachte.“
Seine Wurzeln hat die Zen-Meditation im Buddhismus. Einen Widerspruch zum Christentum sieht Lautenbacher nicht: „Es gibt keine religiöse Aussage im Zen, die dem Christentum widersprechen würde.“ Im Gegenteil: Für Lautenbacher funktioniert Zen ohne religiöse Grundhaltung nicht. Die Meditation trägt für ihn dazu bei, seinen Glauben zu vertiefen. „Wie Paulus sagt: Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“

Meditationsübungen kann Lautenbacher auch bei Bedarf in seine Arbeit einbringen: Der Jesuiten-Superior ist Priesterseelsorger und Geistlicher Beirat im Verband katholischer Männergemeinschaften (VKM) des Bistums Hildesheim: Einzelgespräche führen, Besinnungstage und Exerzitien begleiten, Gottesdienste feiern, Seminare zur religiösen Lebensführung anbieten, gehört zu seinen Aufgaben.

Aufgewachsen ist Lautenbacher in einer Umgebung, die zunächst so gar nichts mit Meditation oder Spiritualität zu tun hat: Er wurde groß auf einem Bauernhof in Kochel am See in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen. Seit dem 16. Jahrhundert ist der Hof mit einem 40 Hektar großen Waldstück im Besitz der Familie. Als Lautenbacher 19 Jahre ist, stirbt sein Vater. Bis sein 13 Jahre jüngerer Bruder alt genug ist, um den elterlichen Betrieb weiter zu führen, arbeitet er selbst als Biobauer, obwohl er sich schon früh zu einem geistlichen Beruf hingezogen fühlte, wie er sagt. Lautenbacher holt das Abitur per Fernstudium nach, verbringt sein Jesuitennoviziat in Nürnberg und studiert Theologie und Philosophie in München und Innsbruck. In dieser Zeit kommt er auch erstmals mit Zen-Meditation in Berührung. Für ihn im Nachhinein ein gradliniger Weg: „Denn schon als junger Mann habe ich nach dem Tod meines Vaters viel in der Stille gelebt und gearbeitet“, erinnert er sich.

Völlig versenken kann Lautenbacher sich auch in seine zweite Leidenschaft: das Malen und Bildhauen. Die archaischen Formen haben es ihm angetan: Seine Gesichter – in Stein gehauen oder einen Holzbalken geschnitzt – erinnern Kunstwerke aus frühester Menschheitsgeschichte. In Aachen, wo Lautenbacher zuvor als Leiter der Jesuitenkirche lebte, hatte er die dortige Kirche bis zu ihrer Entwidmung 2005 zu einem Aktionsraum für Religion und Kunst umgestaltet.