Eine Nacht, ein Buch, viele Sprachen

In der Internationalen Lesenacht mit dem Markusevangelium wurde die Vielfalt der Kulturen in Göttingen erlebbar

 

 

Wie von ferne setzt die Orgel ein und untermalt die Worte der Stimme aus dem Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ In der Kirche St. Paulus in der Göttinger Oststadt wurde das komplette Evangelium nach Markus nicht einfach nur an einem Abend vorgelesen. Zahlreiche Christinnen und Christen machten sich einen Abschnitt aus dem kürzesten der vier Lebensberichte Jesu zu Eigen. Sie wählten eine deutsche Bibelübersetzung aus oder lasen in einer anderen Sprache.

Während evangelische Gäste wie Superintendent Friedrich Selter und Pastorin Esther Gosebruch-Seelig gerne zur Luther-Bibel griffen, bevorzugten die Firmbewerber aus der Gemeinde St. Paulus eine lässige Übersetzung, in der schon mal über den Nächsten „abgelästert“ wird und die Taten Gottes „fett“ herüberkommen. Die Vielfalt der Sprachen, die in Göttingen gesprochen werden, wurde an diesem Abend hörbar und erlebbar: Von Finnisch bis Portugiesisch, von Gebärdensprache bis Yoruba, wie man es in Nigeria spricht. „Göttingen ist nun mal eine Multi-Kulti-Stadt“, kommentiert Übersetzerin Ewa Myszka, die, ihre sechs Monate alte Tochter auf dem Arm, einen Abschnitt auf Polnisch vorlas. „Viele Menschen sagen: Ich würde gerne mal richtig die Bibel lesen. Aber bei dem Vorsatz bleibt es dann oft“, weiß Pfarrer Hans R. Haase. Die Internationale Lesenacht bot die Chance, nach einer fachkundigen Einführung des Theologen Felix Albrecht von der Universität Göttingen einmal ein komplettes Buch der Bibel zu erkunden. Ergänzt wurde der Text durch bekannte Kirchenlieder, die von den Worten aus dem Markusevangelium inspiriert sind.

Während unter den Zuhörern in der Kirche gespannte Stille herrschte, wirbelte die 14-jährige Inessa mit einigen anderen Firmbewerbern durch die Küche des Pfarrheims. Sie bereiteten ein Buffet mit biblischen Snacks vor: Oliven, Käse, Granatäpfel… Auf Kärtchen neben den Tellern konnten die Besucher nachlesen, wo in der Bibel diese Nahrungsmittel erwähnt sind. Inessas besondere Empfehlung: „Im Hohen Lied ist von einem „Traubenkuchen“ die Rede. Da haben wir uns gedacht, das muss so etwas wie ein Rosinenbrot sein.“ Natürlich selbst gebacken.