Leben in der "Priester-WG"

Frater Sebastian Watzek, der am 7. November in Göttingen zum Priester geweiht wird, gehört dem Jesuitenorden an. In Göttingen wohnen sechs Jesuiten gemeinsam in einer Kommunität. Doch wie gestaltet sich dieses Ordensleben?

Göttingen (kpg) – „Wenn ich in meine alte Heimat fahre, fragen mich alte Bekannte oft ganz ernsthaft, ob ich mal wieder rausgedurft habe“, erzählt Pater Benedikt Lautenbacher schmunzelnd. Eingeschlossen hinter hohen Mauern, abgeschieden von der Welt, den ganzen Tag betend – das sind die Vorurteile gegenüber einem Leben im Orden, denen der Superior der Göttinger Jesuiten häufig begegnet. „Dabei tragen wir Jesuiten nicht einmal eine Ordenstracht“, sagt er. „Wir sind keine Mönche und haben kein Kloster, sondern leben wie in einer Priester-WG.“

Kommunitäten heißen diese „Priesterwohngemeinschaften“ offiziell. Acht Jesuiten gehören derzeit zur Göttinger Kommunität: Sechs leben im Herzen der Universitätsstadt im Michaelsviertel in der Kurzen Straße, zwei weitere Ordensbrüder in Hildesheim und Hannover. Gemeinsame Stundengebete wie sie bei Mönchsgemeinschaften wie Trappisten, Karmelitern oder Karthäusern üblich sind, gibt es bei den Jesuiten nicht. Auf Gemeinschaft legen sie dennoch Wert, so Lautenbacher. Das gemeinsame Mittagessen gehört ebenso dazu wie der anschließende Gang in die Hauskapelle zu einem kurzen Moment der Stille. Anschließend treffen sich die „WG-Bewohner“ zur so genannten „Rekreation“. „Dann sitzen wir bei einer Tasse Kaffee zusammen und sprechen über ein Thema, das uns gerade am Herzen liegt“, so Lautenbacher. Diese Rekreation, lateinisch für Erholung, pflegen alle Jesuitenkommunitäten überall auf der Welt, das hat auch Neupriester Sebastian Watzek, das jüngste Mitglied der priesterlichen Wohngemeinschaft, erfahren. Mit seinen 31 Jahren hat er bereits an mehr Orten gelebt als so mancher in einem langen Leben: In Santiago und Coburg, in Bamberg, Nürnberg, München, im chilenischen Concepción und wieder in Santiago de Chile, in Berlin und Rom, jetzt in Göttingen. Länger als zwei Jahre war er in den vergangenen Jahren nirgendwo. „Aber gerade die Form der Rekreation gibt mir das Gefühl, überall zu Hause zu sein“, sagt er.

Über das Vorurteil, von der Welt abgeschieden zu leben, können er und Lautenbacher nur lachen. „Gott suchen und finden in allen Dingen ist der Leitgedanke unseres Ordensgründers Ignatius von Lloyola“, findet Lautenbacher. In Absprache mit dem Provinzial, dem Leiter der Ordensprovinz, werden die Aufgaben festgelegt. Lautenbacher etwa ist nicht nur der Superior der Kommunität, er ist auch Seelsorger der katholischen Studentengemeinde und beauftragt mit Seelsorge für Männer, er macht Exerzititen für Seminaristen im Priesterseminar St. Georgen und er lehrt Zen, eine besondere spirituelle Meditationsübung. Sein Mitbruder Pater Manfred Hösl ist Pfarrer der Gemeinde St. Michael und Cityseelsorger in Göttingen, Sebastian Watzek wird Kaplan der Michaelsgemeinde. Ordensbrüder in anderen Kommunitäten beispielsweise arbeiten als Seelsorger in Krankenhäusern oder lehren als Wissenschaftler an Universitäten. „Und das ist alles andere als weltfremd.“

Stichwort: Jesuiten

Die Jesuiten gehören der „Gesellschaft Jesu“ an. Das Ordenskürzel „SJ“ hinter dem Namen steht für „Societas Jesu“. Dieser Namenszusatz wird mitunter auch scherzhaft als „Schlaue Jungs“ interpretiert, was den hohen intellektuellen Anspruch des Ordens unterstreicht. Alle Novizen studieren zunächst Philosophie, dann folgt eine Zeit des Praktikums, danach dann ein Studium der Theologie. Insgesamt gliedert sich die Ausbildung der Jesuiten in mehrere Bereiche: Kandidatur, Noviziat, gegebenfalls Scholastikat und Tertiat. Dieser Prozess dauert viele Jahre. Zu Anfang legen die Kandidaten das Ordensversprechen ab, im Noviziat entscheidet sich der Ordensneuling, ob er Priester oder Jesuitenbruder werden will. Nach zwei Jahren legt er die ersten Gelübde ab. Im Schnitt sind die Novizen bei Ordenseintritt heute 30 Jahre alt. Diejenigen, die Priester werden wollen, gehen in die Zeit des Scholastikats, also des Studiums. Das Tertiat findet nach etwa 10 Jahren statt. Jetzt legt der Jesuit die Letzten Gelübde ab.