Traumberuf weit über den Abschied hinaus

Norbert Hübner als Dechant von Göttingen entpflichtet

Göttingen (kpg) – Über 20 Priester, Diakone und Messdiener hatten sich um den Altar von St. Paulus versammelt, um Dechant Norbert Hübner im Rahmen einer feierlichen Vesper in den Ruhestand zu verabschieden. Und noch einmal so viele Redner stellten sich im Anschluss brav in die Schlange, um dem scheidenden Dechanten ihre Segenswünsche in Form von Bibelversen mit auf den Weg zu geben.

Aus Hildesheim war Generalvikar Dr. Werner Schreer gekommen, um Hübner als Dechant zu entpflichten. „Wozu ist die Kirche eigentlich gut?“ Mit dieser provokanten Frage eröffnete er seine Predigt, um alsbald den Bogen zu Hübner zu schlagen: Die Kirche dürfe in der heutigen Zeit kein in sich verschlossenes Gebilde ausschließlich für Katholiken, sondern müsse ein „strahlendes, klares und sichtbares Zeichen“ für alle sein. Genau das habe Hübner in seiner 10-jährigen Zeit als Dechant und seinen 20 Jahren als Pfarrer von St. Paulus geleistet: „Du hast das Amt gefüllt mit Schlichtheit und Klarheit, mit Gelassenheit und Glaubwürdigkeit, allein durch deinen Gesichtsausdruck und deine Gestik“, so Schreer. „Du warst ein Ausdruck für Kirche als Gemeinschaft, die nach außen wirkt auf andere.“ Freundlichkeit, Heiterkeit, Warmherzigkeit, gelebter Glaube – das waren auch die Attribute, die in keinem Grußwort der Vertreter der Stadt und des Landkreises, der Kategorialseelsorger, der theologischen Fakultät der Universität Göttingen sowie der evangelischen, reformierten, freikirchlichen und jüdischen Gemeinde fehlten.

Dass für ihn nur ein Beruf in Frage kam, wusste der scheidende Dechant schon mit elf Jahren: „Ich weiß es noch ganz genau: Nach der Messe am Missionssonntag habe ich zu meiner Mutter gesagt: Ich werde Priester.“ Missionar in Afrika habe er werden wollen, erzählt Hübner, der schon als Kind eine starke Bindung zur Kirche hatte: Im September 1941 im Kreis Breslau geboren, musste Hübner im März 1946 mit seinen Eltern und drei Geschwistern seine Heimat verlassen. „Aber ich habe schnell eine neue Heimat gefunden“, sagt er. In der evangelischen Kirchengemeinde in Münchehagen bei Loccum fühlte sich Hübner schnell wie zu Hause. „Wir waren auch als Katholiken in der Kirche immer willkommen“, erinnert er sich. „Wahrscheinlich ist mir die Ökumene deshalb immer so wichtig gewesen.“ Das Thema beschäftigt ihn bis heute: Über 25 Jahre lang war Hübner Mitglied der ökumenischen Diözesankommission, als Pfarrer wirkte er von 1978 bis 1988 im ökumenischen Kirchenzentrum St. Vizelin in Hameln.

Den Weg zum Priester schlug Hübner früh ein: Bereits 1956, im Alter von 15 Jahren, kam er in das Konvikt Königstein im Taunus. Zuvor hatte er zwei Jahre in Hannover gewohnt. Weggeschickt gefühlt habe er sich nie. „Für mich war das auch ein Stückchen Freiheit“, sagt er heute. Nach seinem Abitur 1963 studierte er in Königstein und München, 1968 wechselte er ins Priesterseminar nach Hildesheim. Dort wird Hübner am 18. April 1970 vom damaligen Bischof Heinrich Maria Janssen zum Priester geweiht. Es folgen Kaplansjahre in Salzgitter-Bad (1970 bis 1973), in Landwehrhagen bei Hann. Münden (1973 bis 1976) und in Wolfenbüttel (1976 bis 1978). Pfarrer der Göttinger Gemeinde St. Paulus ist Hübner seit 1988, im März 1998 wurde er zum Dechanten des Dekanates ernannt. „Ich war noch nie so lange an einem Ort wie hier.“

Seiner lieb gewordenen Stadt Göttingen wird Hübner auch nach seinem Abschied in den Ruhestand treu bleiben. Eine Wohnung hat er sich bereits vor längerer Zeit gesucht. „Das erste Mal in meinem Leben habe ich selbst entschieden, wohin ich gehe“, so Hübner lächelnd. Abschied vom Amt bedeutet für ihn aber keineswegs Abschied von seiner Berufung. Nach einer Reise auf den Spuren des Heiligen Paulus will er den Göttinger Pfarreien weiterhin seinen Dienst anbieten. Daneben hat er ein „neues Modell der Seelsorge“ geplant, verrät er augenzwinkernd: im Eiscafé sitzen und mit den Menschen ins Gespräch kommen.