„Wenn du überlebst, was machst du mit deinem Leben?“

Mit zehn Jahren ist Trieu Vincent Q. Nguyen aus Vietnam geflohen. Seitdem hat er eine Menge von der Welt gesehen. Jetzt verstärkt er als Kaplan das Team der Gemeinde St. Michael

„Darf ich mal?“, fragt Pater Trieu Vincent Q. Nguyen, greift nach dem Schreibblock seines Gegenübers und legt los: Er malt ein langes, spitzes Zeichen für „Mensch“. Dann ein ganz ähnliches mit einer Art Messlatte oberhalb der Mitte: „groß“. Und ein drittes, bei dem die Messlatte über der Spitze liegt: „Himmel“. „Als die Jesuiten vor 500 Jahren in meine Heimat gekommen sind, haben sie lange nach einem Schriftzeichen gesucht, um Gott darzustellen“, erklärt er. Als sein Vater in Vietnam noch lebte, hat er das Zeichen mit dem Pinsel getuscht. Einen Druck dieser Kalligraphie haben jetzt alle bekommen, die seine „Primiz“, seine erste Messe, mit dem neuen Priester gefeiert haben: Als Verneigung vor dem Land, das Pater Trieu mit zehn Jahren verlassen musste, und vor den Ordensleuten, in deren Fußstapfen er tritt.


Der 37-Jährige wird von jetzt an das Team der Gemeinde Sankt Michael in der Innenstadt von Göttingen als Kaplan verstärken. Seit dem Sommer lebt er in der Gemeinschaft der Jesuiten und wurde im Oktober in Berlin zum Priester geweiht. Sein Leben, erzählt er, könnte heute auch ganz anders aussehen: Er könnte das Vietnam-Geschäft der Hotelkette managen, bei der seine berufliche Laufbahn begonnen hat. Er könnte Familienvater sein.
Es passierte in einem Luxushotel auf Mallorca, dass er beschloss: Sein Leben sollte eine andere Richtung nehmen. „Die Leute hier reden über das, was sie haben, nicht über das, was sie sind“, ging ihm durch den Kopf. Die Erlebnisse seiner Kindheit kamen ihm in den Sinn – viel mehr, als ein Kind eigentlich fassen kann: Wie ihn seine Eltern mit zehn Jahren in ein Flüchtlingsschiff gesetzt haben - voller Hoffnung darauf, dass sein Leben überall besser verlaufen würde als in Vietnam, wo die Kommunisten ihre Herrschaft durch Terror festigten. „Das war wie ein Glücksspiel“, sagt Pater Trieu nüchtern: „Ein Drittel von uns wurde von Piraten gefangen, ein Drittel ertrank, ein Drittel blieb am Leben.“ Trieu gehörte zu dem letzten Drittel. Er überstand zwei Jahre im Flüchtlingslager in Indonesien, bevor er nach Deutschland zu seinen älteren Brüdern ausreisen konnte. „Dass ich überlebt habe, ist ein Zeichen, dass Gott da war“, ist er überzeugt. Für ihn leitet sich auch ein Auftrag daraus ab: „Wenn du überlebst, was machst du mit deinem Leben?“


Der Weg zum deutschen Abitur war steinig für ein Kind mit fremder Muttersprache in den 1990er Jahren. Aber Trieu erinnerte sich an die Worte seines Vaters und hielt durch: „Bildung ist das Wichtigste.“ Aus dem, was ihn von den Mitschülern unterschied, machte er eine Stärke: Er lernte Fremdsprachen, setzte auf seine interkulturelle Kompetenz und studierte Tourismuswirtschaft. An diese internationalen Erfahrungen kann er bei den Jesuiten nahtlos anknüpfen. Er studierte Theologie in London und fand Freunde unter den Ordensbrüdern aus Indien, Peru und Korea. In Spanien bereitete er sich auf die Priesterweihe vor. Und jetzt Göttingen. „Hier leben und studieren auch Menschen aus vielen Ländern“, sagt er. „Das erinnert mich ein bisschen an London.“


Jetzt ist seine Aufgabe, den Beruf eines Pfarrers zu lernen. „Ich habe Zeit für die Menschen“, sagt Pater Trieu. „Das ist in unserer Zeit so ein Luxus wie ein Fünf-Sterne-Hotel.“ Zum Job des Kaplans gehört die Seelsorge für Jugendliche. Einen Weg, junge Menschen Orientierung anzubieten, hat er schon entdeckt: „Ich erzähle ihnen aus meinem Leben. Das verstehe ich als meinen Auftrag. Sie sollen meinen Weg nicht kopieren, aber vielleicht ist es eine Anregung für ihr eigenes Leben.“