„Das Leid unzähliger Menschen verwandelt“

Schwester Karoline Mayer erhält Göttinger Edith-Stein-Preis

Göttingen (kpg) – „Es gibt viele Preise in Göttingen, aber der Edith-Stein-Preis ist ein besonderer: weil er sich an die wendet, die durch ihr Tun etwas verändern und uns mahnen, wie viel jeder tun kann und es doch oft unterlässt“, so der Bürgermeister der Stadt, Wilhelm Gerhardy, während seines Grußwortes bei der Verleihung des Edith-Stein-Preises im Alten Rathaus von Göttingen, den in diesem Jahr Schwester Karoline Mayer unter minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen entgegennahm.

Denn die zierliche, immer strahlende 66-Jährige hat in ihrem Leben eine Menge getan: Seit 40 Jahren setzt sich die ehemalige Steyler Missionarin und Gründerin der Schwesterngemeinschaft „Communidad de Jesus“ in Santiago de Chile für die Ärmsten der Armen ein. Dort hat die in der Nähe von Eichstätt in Bayern geborene Mayer ein Sozialwerk gegründet, zu dem heute eine Obdachlosensiedlung für 200 Familien gehört, ein Berufsbildungszentrum für 600 Jugendliche, ein Reha-Zentrum für Drogenabhängige, Frauenbildungswerkstätten, Kindertagesstätten und als Herzstück ein Gesundheitszentrum, in dem jährlich 20 000 Patienten kostenlos mit moderner Medizin behandelt werden. „Sie haben das Leid unzähliger Menschen verwandelt, sie haben bewirkt, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sich nicht mit ihrer Armut abfinden müssen“, lobte Prof. Dr. Annette Schavan. Die Bundesministerin für Bildung und Forschung war aus Berlin gekommen, um die Laudatio auf Schwester Karoline zu halten. So sei ihr Wirken „in hohem Maße politisch“, weil es nicht nur eine ungewöhnliche Kraft entfalte, sondern Veränderung in den Köpfen und Herzen der Menschen bewirkt habe. „Das zeigt, dass Politik nicht im Parlament beginnt“, so Schavan.

„Ihre Liebe zu Gott und den Menschen kennt keine Grenzen“, bezog sich Schavan dann auf die Inschrift der Medaille mit dem Satz Edith Steins „Unsere Menschenliebe ist das Maß unserer Gottesliebe“, mit der Schwester Karoline geehrt wurde. Mit Edith Stein habe die diesjährige Preisträgerin einiges gemein, da waren sich die Rednerinnen und Redner des Abends einig. Am 12. Oktober 1971, dem Geburtstag Edith Steins, zieht Karoline Mayer ins Armenviertel von Santiago – „der glücklichste Tag meines Lebens“, wie sie später sagt. Und wie Edith Stein sei auch Schwester Karoline eine Frau mit einer vollkommenen inneren Freiheit, die sie ungeachtet aller Widerstände ihren eigenen Weg gehen ließ, so Dr. Katharina Seifert, die Präsidentin der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland. „So feiern wir heute Abend zwei Frauen, die für Bildung, Menschenrechte und Grenzüberschreitungen stehen“, so Heiner J. Willen, der Vorsitzende des Edith-Stein-Kreises.

Die Geehrte selbst gab sich bescheiden: „Ich bin keine Heldin“, sagte sie in ihrer Dankesrede. „Allein wäre ich vielleicht frustriert. Allein wäre das Elend und das Böse nicht durchzustehen.“ Ihr Antrieb sei es immer gewesen, den Menschen zu zeigen, dass Gott sie liebe, „so dass man es auch im Bauch spürt“. Denn Theologie sei nicht nur für den Kopf, sondern für den ganzen Menschen. Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. „Ihre strahlenden Augen“, so der Göttinger Dechant Bernd Langer schließlich bei der Preisübergabe, „sind ein Hinweis darauf, wie Gott auf die Menschen schaut.“


Der Edith-Stein-Preis
Der Edith-Stein-Preis erinnert an das Wirken der Heiligen Edith Stein, die von 1913 bis 1915 in Göttingen lebte, vom Judentum zum Katholizismus konvertierte und dennoch 1942 in Auschwitz durch die Nationalsozialisten ermordet wurde. Seit 1995 ehrt der Edith-Stein-Kreis mit seinem Preis Persönlichkeiten, Gruppierungen und Institutionen, die sich durch Grenzüberschreitungen in ihrem sozialen, politischen und gesellschaftlichen Engagement ausgezeichnet haben. Die Auszeichnung besteht aus einer Medaille mit der Inschrift „Unsere Menschenliebe ist das Maß unserer Gottesliebe“ und einem Preisgeld von 5 000 Euro, das in Absprache mit dem Geehrten einer Einrichtung gespendet werden soll.

Die Preisträgerin
Schwester Karoline Mayer wurde 1943 in der Nähe von Eichstätt geboren. Kurz nach dem Abitur tritt sie dem Steyler Missionsorden bei. Seit 1968 lebt sie in Santiago de Chile. Dort lässt sich die Ordensfrau zur Krankenschwester ausbilden. Als der Orden sie im Zuge der politischen Unruhen im Land zurück nach Deutschland beordert, verlängert sie ihre Gelübde nicht. Sie gründet die Schwesterngemeinschaft „Communidad de Jesus“, zieht 1971 mit einer Mitschwester in die Armenviertel Santiagos und beginnt mit dem Aufbau eines Sozialwerks für die notleidende Bevölkerung. Sie leistet passiven Widerstand gegen die Militärdiktatur und wird 1976 verhaftet und verhört. Unterstützt wird die Arbeit von einem breiten europäischen Freundesnetz. Für ihren Einsatz wurde Schwester Karoline Mayer mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Kardinal-Frings-Medaille der Erzdiözese Köln, dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg und dem Bundesverdienstkreuz.