Eine Stimme voller Wucht verlässt Göttingen

Pater Heribert Graab nach 22 Jahren in den Ruhestand verabschiedet

Göttingen (kpg) – Der Andrang war gewaltig. So gewaltig, dass zahlreiche Menschen, die mit Pater Heribert Graab die hl. Messe zu seinem Abschied feiern wollten, auf der Straße in der Göttinger Fußgängerzone stehen mussten. Gut zwei Stunden später dasselbe Bild: Das Gemeindezentrum im Michaelsviertel war zu klein für alle Gäste. Nach knapp 22 Jahren verabschiedete sich Graab als Pfarrer von St. Michael.

„Ich wollte immer, dass die Frohe Botschaft eine begeisternde Botschaft wird“, sagte der 75-jährige Jesuit, der in seiner Abschiedspredigt die Essenz seiner Predigten der vergangenen Jahre zog. Sie lautet: Glaube ist keine Privatsache. „Wir müssen auch den Politik- und Wirtschaftsteil der Zeitung mit den Augen der Heiligen Schrift lesen“, gab sich Graab gewohnt kämpferisch.
So war er von Beginn an: Er habe nie „nur Pfarrer“ sein wollen, erinnert er sich im Gespräch. Von Anfang an hat er sich eingemischt und eingesetzt für die Schwächeren der Gesellschaft: zunächst in der Flüchtlings- und Asylarbeit – „wir haben etliche in unserer Kirche untergebracht“ – später mit dem Mittagstisch von St. Michael, der im September volljährig wird. „Es ist eine alte Tradition, dass Bedürftige an Klostertüren klopfen“, so Graab. In Zusammenarbeit mit einem Imbiss in der Kurzen Straße verteilte er Essensgutscheine, weil er nicht wollte, dass die Obdachlosen die kleinen Spenden in Alkohol umsetzten. Ende der 80er Jahre kaufte dann das Bistum Hildesheim ein Gebäude in der Turmstraße, um so den Bau einer Discothek zu verhindern. Das leerstehende Haus brachte ihn auf die Idee für den Mittagstisch, der am 1. September 1990 eröffnet wurde. „Das war eine Fügung Gottes“, sagt Graab heute. Heute bekommen dort bis zu 80 Menschen täglich eine Mahlzeit und – das ist für ihn fast genau so wichtig – ein gutes Wort. Diesen Einsatz – „Beharrlichkeit und Nachdruck“ nannte es Göttingens Oberbürgermeister Wilhelm Gerhardy, „die Wucht deiner Stimme“ der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Eberhard Walter – lobten alle Festredner unisono.

Kommunikation war auch der Dreh- und Angelpunkt seines wichtigsten Arbeitsbereiches neben der Gemeindearbeit: der City- und Passantenpastoral. Gespräche führen mit Menschen, die in die katholische Kirche ein- oder wieder eintreten möchten, gehörten dazu, genau so wie Stadtführungen unter spirituellem Aspekt und – das war ihm ebenso wichtig – die geöffnete Kirche. Erst nach 22 Uhr schloss Graab jeden Abend die Türen von St. Michael. Bis dahin kamen – und kommen „Menschen aller Couleur“, wie er sagt: Katholiken genau so wie Nicht-Christen, manche wollen verschnaufen, andere suchen die Stille, wieder andere schauen sich die Krippe an, die in St. Michael vom 1. Advent bis zum Pfingstfest das Kirchenjahr dokumentiert. „Du hast das Michaelsviertel zu einem Markenzeichen von Göttingen gemacht”, so Walter.

Zehn Grußworte standen nach dem Abschiedsgottesdienst auf dem Programm – launig, nachdenklich und rührend: Als die Ministranten der Gemeinde ein eigens komponiertes Medley für Graab sangen, konnte der 75-Jährige die Tränen nicht mehr zurückhalten: „Damit habt ihr etwas geschafft, was in dem Abschiedstrubel sonst noch keiner geschafft hat“, bedankte er sich.

Ende des Monats zieht Graab nach Köln. 20 Jahre hat er dort vor seiner Zeit in Göttingen verbracht, bis heute hat er Freunde in der Stadt. Und so kann er „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ gehen. Wenn er auch noch nicht genau weiß, was auf ihn zukommt, eines ist sicher: „Natürlich werde ich nicht Däumchen drehen.“ Dazu ist einer wie Heribert Graab auch gar nicht fähig.

 

Zur Person:
Pater Heribert Graab wurde am 18. März 1933 in Krefeld am Niederrhein geboren. Nach seinem Abitur trat er 1953 in den Jesuitenorden ein. Von 1956 bis 1959 studierte Graab Philosophie an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in Pullach bei München. Nach einem pädagogischen Praktikum schloss sich 1961 ein vierjähriges Theologiestudium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt an. Am 28. August 1964 wurde Graab im Frankfurter Kaiserdom zum Priester geweiht. Bevor er 1986 als Pfarrer der Gemeinde St. Michael nach Göttingen kam, lebte er 20 Jahre in Köln. Hier war er unter anderem Schülerreferent des Erzbistums Köln und Leiter eines Schülerzentrums der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ). Nach Köln wird er nach seiner Verabschiedung in den Ruhestand zurückkehren.