Mit drei Männern unterm Dach

Ein Blick in die betreute Seniorenwohngemeinschaft im Lorenz-Werthmann-Haus in Duderstadt

Der Arzt sagt: „Es geht nicht mehr, Sie müssen in ein Pflegeheim.“ Der Bauch aber sagt: „Nein, ich kann doch noch so viel.“ Was tun? In eine Wohngemeinschaft ziehen. Mit anderen Senioren. Und ambulanter Betreuung. Ein Beispiel aus Duderstadt.

Von Rüdiger Wala

Adelheid Junge ist 86 Jahre alt: „Ich hatte immer viel um mich“, sagt sie. Sechs Kinder hat sie großgezogen. Allein. Ihr Mann ist früh verstorben. Dazu die Arbeit als zahnmedizinische Sekretärin: „Ich habe mich da ums Geld gekümmert.“ Jetzt lebt sie – obwohl pflegebedürftig – mit drei Männern zusammen. „An so etwas hätte ich nicht im Traum gedacht“, sagt Adelheid Junge und lacht: „Mir gefällt‘s.“
Ihre Wohnung: 150 Quadratmeter, vier Zimmer mit behindertengerechter Nasszelle, dazu eine Küche und ein großzügiger Gemeinschaftsbereich – unter dem Dach des Lorenz-Werthmann-Hauses der Caritas in Duderstadt. Das renovierte Fachwerkgebäude liegt mitten in der Stadt. Nicht nur die vier Senioren haben hier eine neue Heimat gefunden. In den zwei Etagen unter ihnen leben gleich zehn Seniorinnen zusammen: „Alle haben mit Demenz zu kämpfen“, sagt Caritas-Sozialarbeiterin Lydia Ballhausen. Im Erdgeschoss befindet sich ein Seniorenbegegnungszentrum.
Für Adelheid Junge eine ideale Lösung: „Da kann ich hingehen, wenn ich möchte, zum Singen oder zu anderen Angeboten.“ Aber Achtung: Adelheid Junge ist wie ‚ihre‘ drei Männer – Gisbert Konradi (72), Josef Markmeyer (84) und Ruhestands-Pfarrer Dieter Madeiski (75) – nicht Bewohnerin, sondern Mieterin.

Mieter, nicht Bewohner: ein entscheidender Unterschied

Ein entscheidender Unterschied, betont Lydia Ballhausen: „Sie entscheiden selbst, wann sie aufstehen und wie sie den Tag verleben möchten. Alles, was sie können und wollen, sollen sie auch selbst machen.“ Die Miete liegt je nach Zimmergröße zwischen 290 und 330 Euro. Hinzu kommen Kosten für Verpflegung sowie die Zimmer- und Wäschepflege von 200 Euro. Weitere Kosten: Pflege und Betreuung – das richtet sich nach dem individuellen Bedarf.
„Ich bin gern mein eigener Herr“, meint Josef Markmeyer. Ein Pflegeheim, das wäre nichts für ihn gewesen: „Wir kommen gut zurecht, wie in einer Familie“, meint der ehemalige Eisenbahner. Er freut sich über seine Selbstständigkeit, trotz nachlassender Kräfte: „Das wäre in einem Heim nicht so möglich.“
Genau das ist die Leitidee der „Alten-WG“, erläutert Lydia Ballhausen: Ein weitgehend selbstbestimmtes Leben bei größtmöglicher Sicherheit. Rund um die Uhr sind Pflege- und Hauswirtschaftskräfte, Betreuer, Helfer oder die Nachwache für die Bewohner da. Aber dafür muss das alte Leben nicht aufgegeben werden: „Wir gehen vom gewohnten Tagesablauf aus, vom bekannten Arzt, vom Besuch der Familie und Bekannter – und nicht allein von der pflegerischen Versorgung.“

„So was hätt‘ ich früher nicht gemacht“

Gisbert Konradi kommt vom Einkaufen zurück. Er war zusammen mit einem Praktikanten im Bettenladen und hat neue Bettwäsche gekauft. Mit Zebras und Giraffen. „So was hätt‘ ich früher nicht gemacht“, sagt der ehemalige Maurer, den vor zehn Jahren ein Schlaganfall aus dem Arbeitsleben riss. Bewegen ist mühsam, aber mit Hilfe möglich: „Das ist ein Ansporn, wirklich.“
Das Lorenz-Werthmann-Haus war noch im Rohbau, da hat er sich schon ein Zimmer ausgesucht. Und gleich Pfusch am Bau festgestellt: „Da war ein Gegengefälle im Bad, das Wasser floss nicht zum Abfluss.“ Der 72-Jährige genießt die Gemeinschaft: „Ich habe hier eine große Familie, ich bin nicht einsam.“ Und was ihm noch wichtig ist: „Die Küche ist astrein.“
Angehörige sind für die Wohngemeinschaft von großer Bedeutung: „Wir wollen doch gerade den Kontakt mit der Familie fördern“, betont Lydia Ballhausen. Kinder und Enkel gehen im Haus ein und aus. „Sie kommen zu Besuchen, nehmen unsere Bewohner zu Spaziergängen oder Ausflügen mit“, erzählt die Sozialarbeiterin. Manche Angehörige putzen auch die Zimmer, machen die Haare, bringen sie zu Bett – ganz so wie in einer Familie.
Helga Chrpa jedenfalls ist von dem Konzept überzeugt. Die 68-Jährige kümmert sich um ihren Bruder, Pfarrer Dieter Madeiski. „Ich bin Krankenschwester und habe in der Altenhilfe gearbeitet“, berichtet sie: „Und ich habe selten so viel Zuwendung gespürt und Freiraum gesehen wie hier.“
So kann sich Adelheid Junge täglich neu entscheiden, ob sie für ihre zahlreichen Enkel Socken strickt, in Begleitung in die Stadt geht, sich auf Besuch freut oder lieber mit ihren Mitbewohnern plauscht. Ganz wie in einer Familie. Und noch etwas ist wie in einer Familie: „Wenn einer nicht zum Frühstück kommt, klopfen wir an die Tür“, sagt sie. Sorge füreinander muss sein.

Acht Fragen zur „Alten-WG“

Was heißt ambulant betreute Wohngemeinschaft?

Diese Wohngemeinschaften richten sich an pflegebedürftige Menschen, die sich in ihrer häuslichen Umgebung nicht mehr selbst versorgen können und an pflegende Angehörige, die eine Alternative zur Heimunterbringung
suchen.

Was ist der Unterschied zum Pflegeheim?

Im Vordergrund steht, den gewohnten Alltag so weit wie möglich aufrechtzuerhalten – und nicht allein die pflegerische Versorgung. Durch das Einbinden der WG-Bewohner in den normalen Tagesablauf, der dem eines Privathaushaltes gleicht, können Fähigkeiten gefördert und erhalten werden.

Heißt das, dass nur gelegentlich nach den WG-Bewohnern geguckt wird?

Nein. Die Pflege und die Betreuung sind rund um die Uhr gesichert. Das gilt auch für kleine Hilfen im Alltag – beim Waschen, Anziehen, Essen oder den Toilettengängen. Ermöglicht wird zudem nach Möglichkeit, dass weder der behandelnde Arzt noch Therapeuten (zum Beispiel Krankengymnasten) gewechselt werden müssen.

Was ist mit Menschen, die an Demenz leiden?

Gerade für Demenz-Kranke kann nach Einschätzung von Caritas-Sozialarbeiterin Lydia Ballhausen eine Wohngemeinschaft eine sinnvolle Alternative sein. Der strukturierte Tagesablauf, die Alltagsarbeiten, zum Beispiel in der Küche, können helfen, den Verlauf einer Demenzerkrankung zu verzögern. Allerdings gibt es auch so schwere Fälle von Demenz, die mit Übergriffen gegen andere oder gegen sich selbst verbunden sind. Dann ist ein Leben in der Senioren-WG nicht möglich.

Welche Rechte habe Bewohner und Angehörige?

Grundsätzlich gilt: Die Bewohner sind Mieter. Sie oder gegebenenfalls ihre Bevollmächtigten oder gesetzlichen Vertreter entscheiden, welche Pflege sie in Anspruch nehmen oder wie der Tagesablauf aussehen soll. Darüber hinaus gelten die Mitbestimmungsrechte der jeweiligen Landesheimgesetze. In Duderstadt beispielsweise bilden die Bewohner (oder deren Betreuer) eine Auftraggebergemeinschaft.

Was bedeutet Auftraggebergemeinschaft?

Die Auftraggebergemeinschaft ist die Interessensvertretung der Wohngemeinschaft. Sie hat beispielsweise Mitbestimmungsrechte bei Freizeitgestaltung, bei Entscheidungen zu Unterkunft und Verpflegung, aber auch bei Musterverträgen für Bewohner oder auch umfassenden baulichen Veränderungen. Dazu kommen Mitbestimmungsrechte bei der Auswahl neuer Bewohner, der Gestaltung der Gemeinschaftsräume oder der sozialen Betreuung.

Gibt es schon viele dieser Wohngemeinschaften?

Nach Zahlen des Vereins „Freunde alter Menschen“ (FAM), der 1995 mit dem Aufbau von Wohngemeinschaften für Demenz-Kranke begonnen hat, gibt es in Niedersachen mittlerweile rund 50 Wohngemeinschaften. Zwei Drittel davon richten sich auch an ältere Menschen mit Demenz. In Bremen gibt es FAM zufolge zurzeit sechs bekannte Wohngemeinschaften, die alle ausschließlich Menschen mit Demenz versorgen. Auch in Hamburg soll es laut einer Erhebung des Vereins aktuell sechs Wohngemeinschaften geben. In allen drei Bundesländern gibt es zudem eine große Anzahl von Initiativen für mehr „Alten-WGs“. Zum Teil scheitert die Umsetzung an fehlenden Immobilien.

Wo gibt es weitere Informationen?

In Niedersachsen können sich Interessierte an die Niedersächsische Fachstelle für Wohnberatung wenden: Hildesheimer Straße 20, 30169 Hannover, Telefon: 05 11/3 88 28 95, E-Mail: info@fachstelle-wohnberatung.de. Die Fachstelle unterhält auch eine Außenstelle in Bremen: Starnberger Straße 26, 28215 Bremen, Telefon: 04 21/55 09 66, gleiche E-Mail-Adresse. Zahlreiche Materialien sind auch in Internet abrufbar: www.fachstelle-wohnberatung.de. In Hamburg können Anfragen an den Landes-Seniorenbeirat gerichtet werden: Heinrich-Hertz-Straße 90, 22085 Hamburg, Telefon: 0 40/4 28 63 19 34
E-Mail: lsb(ät)lsb-hamburg.de.

Kontakt: Sie finden das Lorenz-Wertmann-Haus des Caritasverbandes in der Scharrenstraße 9 in 37115 Duderstadt. Ansprechpartnerin für die ambulant betreuten Wohngemeinschaften ist Lydia Ballhausen, Telefon: 0 55 27/ 9 96 86 11, E-Mail: ballhausen@caritas-goettingen.de. Information im Internet gibt es unter www.caritas-goettingen.de/dud/lwh01.html