Weihnachtsgans und Safranreis

Die Göttinger Gastfreunde geben ausländischen Studierenden Einblicke in den deutschen Alltag

Ausländische Studierende möchten mehr von Deutschland sehen als die Uni, die Innenstadt und das Studentenwohnheim. Die Göttinger Gastfreunde laden sie nach Hause ein und zeigen ihnen, wie Deutsche ticken

Der Weg zu Familie Klages führt direkt in die Küche. Bihe Zhu umarmt die Gastgeberin, dann greift sie gleich nach Schneidebrett und Messer. Shanghui Li rätselt, was hier zu schneiden ist. Der Form nach könnte es eine Süßkartoffel sein, überlegt der Student aus Singapur. Paulette Klages lacht: „Heute gibt es französisches Abendessen.“ Was für fernöstliche Augen aussieht wie eine Süßkartoffel, ist tatsächlich eine französische Salami.

 
Die Leidenschaft für das Kochen und Essen verbindet das Göttinger Ehepaar und die drei Studierenden aus China, Singapur und Iran. Das Ehepaar Klages weiß, wie es sich anfühlt, als junger Mensch in einem fremden Land zu leben. Paulette Klages kommt selbst aus Frankreich und hat in Deutschland studiert. Neun Austauschschüler hat die Familie über die Jahre bei sich aufgenommen. „Aber aus dem Alter sind wir heraus“, sagen die Eltern zweier erwachsener Kinder schmunzelnd. Stattdessen engagieren sie sich bei den Göttinger Gastfreunden. Der Verein will internationalen Studierenden einen Einblick in das deutsche Alltagsleben jenseits von Hörsaal, Mensa und Wohnheim geben. Göttinger Bürger laden sie zu sich nach Hause und zu gemeinsamen Unternehmungen ein.
„Ich habe zwar deutsche Freunde“, sagt Fatemeh Aalizadeh (29). „Aber die wohnen alle in Wohngemeinschaften. Ich wollte auch einmal eine deutsche Familie kennen lernen und miterleben, wie Deutsche das Neue Jahr feiern.“ Die Doktorandin aus dem Iran lebt seit zwei Jahren in Göttingen. Durch ihr Philosophiestudium ist bei ihr der Wunsch gewachsen, die deutschen Philosophen im Original zu lesen. Inzwischen spricht sie die Sprache fließend. Bihe (21) und Shanghui (23) sind erst seit zwei Monaten in Göttingen, auch sie sprechen sehr gut Deutsch. Trotzdem ist es nicht immer leicht, meint Shanghui, Kontakte zu knüpfen. „Ich bin schüchtern“, gibt der angehende Volkswirt und ambitionierte Violinist offen zu.


Die Atmosphäre am Tisch ist so entspannt, als würden sich die Fünf schon viel länger kennen als einen Monat. „Paulette und Manfred sind für uns Mama und Papa hier“, sagt Bihe. Sie waren zusammen auf dem Weihnachtsmarkt und bei einem traditionellen deutschen Gänseessen. Shanghui hat das passende Wort für die deutschen Weihnachtstraditionen schon gelernt: „Das war richtig gemütlich“, schwärmt er. Unter Fatemehs Anleitung haben die Studierenden für das Ehepaar Klages und deren Freunde ein persisches Gericht gekocht: Safranreis mit Hähnchen. Bihe ist als Nächste dran: „Zum chinesischen Neujahr müsste ihr zu mir kommen“, sagt sie lebhaft.


Daniela Ramb, pädagogisch-pastorale Mitarbeiterin der Katholischen Hochschulgemeinde, bringt die Studierenden und Gastfreunde miteinander in Kontakt. Für 78 Studierende hat sie schon Kontakte vermittelt, seit das Projekt im November gestartet ist. Doch auf ihrer Warteliste stehen noch weitere Studierende. „Gastfreunde können Alleinstehende, Paare oder Familien sein“, erklärt Daniela Ramb: „Jeder Haushalt ist der richtige.“ Sie organisiert regelmäßig Treffen für alle ausländischen Studierenden mit ihren Gastfreunden. Zum Beispiel zum vorweihnachtlichen Kaffeetrinken: „Manche Gastfreunde haben sich schon vorher mit den Studierenden getroffen und zusammen Plätzchen gebacken“, berichtet sie.


Mit ihrem Partyservice und einem Geschäft sind Manfred und Paulette Klages so eingespannt, dass sie selten verreisen können. „Eine Freundin von mir hat es mal so formuliert: Du reist nicht geographisch, sondern menschlich“, sagt die Deutsch-Französin. Ihr Mann ergänzt: „Man erfährt ohnehin viel mehr über ein Land, wenn man die Menschen von dort trifft, als wenn man die Sehenswürdigkeiten sieht.“


Wer Gastfreund(in) werden möchte, kann sich an Daniela Ramb wenden: Tel. 0551-488 760, info@goettinger-gastfreunde.de Der Verein freut sich auch über jede andere Unterstützung, zum Beispiel Einladungen zu Betriebsbesichtigungen an die Studierenden und Gastfreunde.